Meine Schwester redet nicht über das, was sie bedrückt, sie „frisst“ es in sich hinein. Wie bringe ich sie dazu, sich mir zu öffnen?

Beantwortet von: Philipp Koschorke, Assistenzarzt, Psychiatrischer Dienst Spital Emmental

Du scheinst Dir grosse Sorgen um Deine Schwester zu machen und nimmst Sie als bedrückt wahr. Dass sie alles in sich „hineinfrisst“ ist eine weitere Beobachtung von Dir, die Dich zusätzlich beunruhigt, weil Du möglicherweise davon ausgehst, dass man alles immer „rauslassen“ muss. Diese Vorstellung ist allgemein weit verbreitet – sie ist auch meistens – aber eben nicht immer – richtig. Das hängt nämlich einerseits auch sehr davon ab, worum es im Detail genau geht, also was Deine Schwester lieber für sich behalten würde oder sich nicht auszusprechen traut oder kann. Andererseits ist es vielleicht auch so, dass sie befürchtet, nicht oder falsch verstanden zu werden oder vielleicht sogar damit bei anderen etwas auszulösen, was dann alles noch viel komplizierter machen würde. Eventuell hat sie diese Erfahrung schon mal gemacht, mit dem sich Aussprechen eine „grosse“ Sache auszulösen, z.B. jemanden zu verletzen oder dann mit weiteren unangenehmen Fragen konfrontiert zu werden. Vielleicht aber ist es viel einfacher und sie schämt sich einfach nur derart stark und kann sich nicht überwinden, das Thema anzusprechen bzw. darüber zu sprechen und sogar einfach nur darüber nachzudenken. Dann könnte es für sie hilfreich sein, darauf angesprochen zu werden. Wie Du siehst, können solche Situationen ganz unterschiedlich sein.

Was vielleicht wichtig zu wissen ist, dass Menschen manchmal ihre nächsten Angehörigen, wozu Du sicher zählst, von solchen Themen schützen wollen und die belastenden Themen lieber wo anders, zum Beispiel bei Freudinnen, in der Clique oder sonst wo (ev. auch bei Fachpersonen) deponieren. Ich weiss aber jetzt gar nicht, wie gut Deine Schwester vernetzt ist, ob ihr diese Möglichkeiten überhaupt zur Verfügung stehen.

Entscheidend ist ja, dass Du Dir Sorgen machst und nicht weisst, wie Du Dich verhalten sollst und dass Du dadurch belastet bist und gerne helfen würdest. Genau das würde ich versuchen, Deiner Schwester gegenüber zum Ausdruck zu bringen. Ich würde in einem günstigen Augenblick auf Sie zu gehen und sie auf Deine Eindrücke ansprechen. Wichtig ist, sich dabei so neutral wie möglich (damit meine ich: Ohne im Voraus festgelegte Meinung über die Gründe bei Deiner Schwester), aber auch so authentisch wie möglich (damit meine ich, dass Du ehrlich und offen sagst, was Du beobachtest und warum Dir das Sorgen macht) zu verhalten. Wähle die „Ich- Sprache“, d.h. mach Sätze wie bspw. „Ich mache mir Sorgen um Dich und habe oft das Gefühl, dass du sehr bedrückt bist“…… oder: „….wenn ich Dich so sehe weiss ich gar nicht, ob ich etwas für Dich tun kann und ob Du das überhaupt willst“, etc. Akzeptiere und reagiere nicht beleidigt, wenn sie sich Dir gegenüber dann erstmals abweisend verhält, versuche nicht, nachzubohren sondern ihr die Botschaft zu vermitteln: “Wenn Du mich brauchst, bin ich für Dich da!“