Wie lange kann eine Trauerphase/Depression nach einem Verlust eines Angehörigen dauern?

Beantwortet von: Lic. Phil. Isabelle Spreng, MSc, Psychiatrischer Dienst Spital Emmental

Tatsächlich geht es bei der Trauer nicht darum, etwas hinter sich zu lassen oder abzulegen wie einst die schwarze Kleidung nach dem Trauerjahr. Als Prozess dient sie dazu, den Schmerz zu verarbeiten. Das kann schneller gehen oder mag auch langsamer gelingen. „Die Zeit ist kein Kriterium“, sagt der Berner Psychologe Hansjörg Znoj. „Und jeder trauert anders.“
Neuere Forschungen ergeben, dass Trauer und Schmerz nicht in den bisher angenommenen Phasen auftreten, sondern dass sie vielmehr  in Wellen kommen, die mit der Zeit immer kürzer und weniger intensiv werden. So erlebt ein  Mensch Traurigkeit, Wut oder Einsamkeit, aber da alle Gefühle kurzfristig angelegt sind, wechseln sich die negativen Gefühle immer wieder mit positiven Gefühlen ab, selbst wenn zu Beginn die Momente der Freude oder des Lachens sehr kurz sind. So pendelt der trauernde Mensch hin und her – Sehnsucht, Kummer, Leere und Schmerz sind verlustbezogene Prozesse, Ablenkung, kurzfristige Verdrängung, vorwärtsgerichtetes Denken und Momente der Freude sind regenerative Prozesse. Wer also kurz nach einem Todesfall auch schon einmal wieder herzlich lachen kann, ist nicht krank oder verdrängt seine Trauer, sondern er nutzt die gesunden Mechanismen seiner Psyche, die ihm durch das Lachen eine Pause vom Schmerz gönnen. Nur bei einer Minderheit von Menschen wird die Trauer chronisch und kommt nicht in Wellen, sondern scheint konstant zu sein. Die Gefühlslage ändert sich auch nach Monaten nicht, ist blockiert, im Stillstand und sie sehen keinen Weg, wie sie aus dieser Hilflosigkeit des Schmerzes allein herausfinden sollen. In solchen Fällen kann professionelle Hilfe angesagt sein, aber das kann man frühestens nach einem halben Jahr sagen, so die Ergebnisse der Studien von Bonanno.